Interview (v. l. n. r): Silke Frank, Dipl.-Pädagogin, und Annika Demming, Dipl.-Psychologin – beide Abteilung Beratung, Kinder und Soziale Angebote

Mit der Online-Beratung erreichen wir viel mehr Studierende

Annika Demming und Silke Frank haben sich auf dem Spielplatz Räuberwäldchen darüber ausgetauscht, wie sie während der Corona-Pandemie Studierende auch auf Abstand mit Beratungsangeboten unterstützen konnten.

Interview: Cornelia Gerecke | Text: Regina Brinkmann | Fotos: Martina Goyert

Annika Demming und Silke Frank sind im Rahmen ihrer Beratungsangebote normalerweise ständig im persönlichen Kontakt mit Studierenden. Mit Beginn der Corona-Pandemie mussten die Beratungsangebote radikal umgestellt werden. Wir haben gemeinsam darüber gesprochen, wie die Beratung per Telefon, Chat oder Videoanruf funktioniert und wie die Dipl.-Psychologin und die Dipl.-Pädagogin mit den neuen Anforderungen umgehen.

Wie unterscheiden sich die Anliegen der Studierenden vor und jetzt während der Corona-Pandemie?

Frank: Die Anliegen haben sich nicht grundlegend verändert. Es geht oft um Aufschieben, Prüfungsangst oder Überforderung, weil zu viel zu tun ist. Ein weiteres Thema ist Stressbewältigung, wenn zusätzlich zum Beispiel noch ein Nebenjob gemanagt werden muss. Das hat sich jetzt in der Pandemie verstärkt, da die Rahmenbedingungen schwieriger geworden sind. Studierende müssen jetzt vielleicht nicht mehr zum Nebenjob, dafür haben sie mehr finanzielle Nöte. Das erzeugt Stress an anderer Stelle. Egal, wo der Stress herkommt, er kann sich negativ auf das Lernen auswirken. Im Laufe des Jahres haben wir aber gemerkt, dass es erhöhten Gesprächsbedarf bezüglich mangelnder Sozialkontakte, fehlender Strukturierung und Orientierung oder auch genereller Zweifel am Studium und an sich selbst gab.

 

Frau Demming, welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Demming: Ich würde das fast genauso beschreiben. Im Grunde ist vieles ähnlich geblieben, aber es hat sich durch die Pandemie verschärft. Studierende mussten sich zum Teil gleichzeitig mit finanziellen Schwierigkeiten und einer Angststörung oder einer Depression auseinandersetzen. So kamen viele Faktoren zusammen, die die Situation schwer erträglich gemacht haben. Und wichtige Bewältigungsstrategien wie Sport, Treffen mit Freunden oder Einfach-mal-Rausgehen konnten plötzlich teilweise nicht mehr genutzt werden. Unter diesen Bedingungen können schon vorhandene depressive Verstimmungen zunehmen und Betroffene in eine Krise geraten.

 

Mit welchen Angeboten haben Sie versucht, diese Situation aufzufangen?

Frank: Wir haben unser analoges Format „Early Bird“ im April des letzten Jahres auf einen offenen Gruppenchat umgestellt. Wir versuchen hierbei, alle Teilnehmenden morgens persönlich zu begrüßen und zu fragen, wie es zum Beispiel am Vortag gelaufen ist und was heute ansteht. Dann tauschen sich die Studierenden aus, geben sich Tipps und motivieren sich gegenseitig. Dabei ist ein richtiges Gemeinschaftsgefühl entstanden. Das ist total schön zu sehen. Viele starten um neun Uhr, wenn der Chat zu Ende ist, in den Tag und nutzen das Angebot quasi als Sprungbrett. Die Studierenden haben uns immer zurückgemeldet, dass ihnen das auch online sehr guttut. Und es sind während der Pandemie mehr Studierende dazugekommen.

 

Welche Formate haben Sie sonst noch angepasst?

Demming: Wir haben fast alle unsere Kurse auf eine Online-Version umgestellt. Zum Beispiel wurde auch das Seminar zur Prüfungsangst erstmals online angeboten. Unser Kollege Arthur Letzel hat darin über Theorie und Entstehung der Prüfungsangst erzählt und erste Tipps zur Überwindung dieser Angst gegeben. Per Chat konnten die Teilnehmenden dann ihre Fragen stellen. Außerdem haben meine Kollegin Brigitte Albrecht und ich noch ein Webinar zur Entspannung, Meditation und Achtsamkeit gegeben. Dazu gehörten auch körperliche Übungen gegen Prüfungsangst. Das möchten wir im nächsten Semester wiederholen.

 

Wie wird denn ein Webinar, das körperliche Übungen beinhaltet, organisiert?

Demming: Wir haben erst einmal einen kurzen theoretischen Input gegeben, worum es bei den Entspannungsübungen, beispielsweise progressiver Muskelentspannung, geht. Danach hat eine von uns die Übung angeleitet. Die Studierenden haben sich zu Hause einen entspannenden Ort gesucht, sich dort hingelegt oder hingesetzt, dabei unseren Stimmen zugehört und die Übung mitgemacht. Anschließend folgte eine kurze Nachbesprechung.

 

In diesem speziellen Fall heißt das Motto „hören anstatt sehen“ – wie hat das funktioniert?

Demming: Wir Leitenden waren an getrennten Orten und haben die Studierenden rein über das Hören instruiert. Die Studierenden haben im Moment der Übung ihre Kamera ausgemacht. Es waren Übungen, bei denen es mehr auf die Innenschau ankommt und das Hören die entscheidende Wahrnehmung war.

„Die Flexibilität, dass uns Studierende erreichen können, egal ob sie im Ausland oder bei ihren Eltern sind, ist sinnvoll und hilfreich.“

Annika Demming

Welches Feedback haben Sie zu diesen Webinaren bekommen?

Demming: Insgesamt waren die Rückmeldungen positiv. Die Studierenden hatten Verständnis dafür, dass es eher eine Notlösung war, weil wir nicht in den persönlichen Kontakt gehen konnten. Sie waren dankbar für das Angebot. Wir selbst waren auch zufrieden. Trotzdem hat uns der direkte, persönliche Kontakt, der bei den Entspannungsübungen sehr wichtig ist, gefehlt.

Frank: Bei anderen begleitenden Angeboten wie zum Beispiel den Gruppen „Semesterbegleitung“ oder „Begleitung im Schreibprozess“ war ein besonders wichtiger Punkt, dass Studierende mit ähnlichen Themen zumindest online zusammenfinden konnten. Mein Eindruck war, dass die Teilnehmenden noch mehr als vorher an Vernetzung interessiert waren, weil diese im normalen Alltag so stark eingeschränkt war. In Sozialkontakte und Austausch gehen zu können, war ein sehr tragendes Element für das eigene Vorankommen.

 

Wie hat sich mit dem Beginn der Pandemie die Struktur Ihrer Arbeit verändert?

Demming: Bezüglich der Arbeitsstruktur war der Wechsel von der persönlichen Vor-Ort-Beratung, die sonst unser Schwerpunkt war, hin zu Telefonberatung und Onlineberatung die größte Veränderung. Inhaltlich waren es am Anfang oft finanzielle Themen, mit denen die Studierenden auf uns zukamen. Dabei hat besonders unsere Sozialberatung sehr viel geleistet. Das ist konstant so geblieben. Auch die Lernberatung hatte viel Zulauf, genauso wie die psychologische Beratung.

Frank: Unsere Teambesprechungen waren plötzlich ja auch nicht mehr zusammen in einem Raum möglich, sondern wir haben uns in einer Onlinekonferenz getroffen. Aus dem Homeoffice zu arbeiten, war für mich überhaupt eine Neuerung.
Die Auseinandersetzung mit den zahlreichen notwendigen technischen Veränderungen hat natürlich erst einmal viel Unruhe in den Arbeitsalltag gebracht, aber es hat sich sehr gelohnt. Ich denke, dass es total gut war, ins kalte Wasser zu springen und unser Angebot so umzustellen.

 

Wie sieht das ganz konkret bei der Beratung per Telefon aus? Wie setzen Sie diese um?

Demming: Das macht jede*r tatsächlich etwas anders. Für mich persönlich ist es hilfreich, wenn ich einen geschützten Raum habe. Ich stelle das Telefon auf Lautsprecher, um ohne Hörer am Ohr frei sprechen zu können. Manchmal benutze ich auch ein Headset, um mich gut auf die Studierenden konzentrieren zu können. Ansonsten ist das Setting ähnlich. Ich mache mir parallel Notizen, um konzentriert den Faden zu behalten und beim nächsten Mal wieder an das Gespräch anknüpfen zu können.

Frank: Bei der Lernberatung ist es oftmals ein begleitender Prozess, bei dem man häufiger Kontakt zu denselben Studierenden hat. Da konnte ich dann im Laufe der Zeit bei einigen Studierenden die Telefonate von ca. 50 Minuten auf eine halbe Stunde reduzieren und bestimmte Themen in den Fokus setzen. So konnte ich mehr Anfragen an einem Tag unterbringen und die Wartezeiten für die Studierenden so kurz wie möglich halten.

„Besonders in unseren sensiblen Beratungsbereichen ist eine persönliche Face-to-Face-Beratung unverzichtbar.“

Silke Frank

Und die Studierenden, was müssen die für sich beachten?

Demming: Wir informieren die Studierenden vorab per E-Mail. Darin empfehlen wir unter anderem, sich für die Zeit der Beratung einen Raum zu suchen, in dem sie allein und ungestört sind.

Frank: Von den allermeisten Studierenden ist die telefonische Beratung sehr gut angenommen worden. Ich denke, weil diese auch sehr flexibel möglich ist. Wir telefonieren häufig in die Heimatorte der Studierenden oder ab und an auch ins Ausland. Die inhaltliche Arbeit empfinde ich dabei als qualitativ gleichwertig. Bei manchen Themen ist es aber für beide Seiten eine Herausforderung, wenn man sich nicht persönlich begegnet. Einige Studierende signalisieren dann klar, wenn Telefonieren für sie nicht passt.

 

Wie sieht das Verfahren bei einer Beratung per Video aus?

Demming: Wenn die Beratung per Video laufen soll, müssen die Studierenden vorab eine Datenschutzerklärung unterschreiben und sie zurücksenden. Danach generieren wir einen Link, über den die Studierenden in die Videosprechstunde kommen können. Aber egal ob per Telefon oder Video, wir haben alle gemerkt, dass wir seit der Pandemie einen größeren Verwaltungsaufwand haben. Zusätzlich sitzt unser Sekretariat auch häufig im Homeoffice, sodass auch da die Kommunikation nicht mehr so einfach ist. Man kann nicht mal eben nach vorne laufen und sich mit den Kolleg*innen austauschen.

 

Gibt es denn Abläufe und Strukturen, die Sie beibehalten möchten, wenn die Pandemie vorbei ist?

Demming: Die Möglichkeit, dass uns Studierende erreichen können, egal ob sie gerade im Ausland oder bei ihren Eltern sind, möchten wir erhalten. Diese neue Flexibilität ist sinnvoll und hilfreich.

Frank: Ich wäre dafür, dass wir einige Onlineangebote beibehalten. Wir erreichen einfach mehr Leute. Das ist ein großer Vorteil. Dennoch ist besonders in unseren sensiblen Beratungsbereichen eine persönliche Face-to-Face-Beratung unverzichtbar.

Annika Demming ist Dipl.-Psychologin und psychologische Beraterin. Während ihres Innenarchitekturstudiums hat sie gemerkt, dass sie sich lieber mit dem Inneren des Menschen beschäftigt statt mit Innenräumen. Als sie nach dem Abschluss des Psychologiestudiums eine Anzeige vom Werk entdeckte, hat sie sich gleich beworben und arbeitet jetzt als stellvertretende Leiterin der Abteilung Beratung, Kinder und Soziale Angebote (BKSA).

Silke Frank ist Dipl.-Pädagogin und hat eine Zusatzausbildung zur systematischen Beratung absolviert. Im Werk arbeitet sie in der psychoedukativen Beratung, kurz Lernberatung. Hier coacht sie Studierende u. a. in der Bewältigung von Prüfungsängsten, in besserem Zeitmanagement oder in der Überwindung von Aufschiebeverhalten.

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Beratungen inkl. Kurzinterventionen

+62%* (5137**)
davon 1.680 Telefonberatungen
+2747%* (59**)
und 87 Videoberatungen
(0**)

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Onlineberatungen

+23%* (684**)
davon 638 Psychologische
+11%* (574**)
und 200 Sozialberatungen
+82%* (110**)

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Klientenkontakte

+40%* (10.025**)

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Beratungen (Kurzinterventionen)

+182%* (1.717**)
davon 1.173 Soziale Telefon-Kurzberatungen
+196%* (396**)
und 1.504 Soz. Kurzberatungen (Mail und Besucher)
+415%* (292**)

* prozentuale Abweichung im Vergleich zu 2019
** 2019