Interview Gabriele Rode-Buchholz und Dipl.-Psych. Arthur Letzel

Fingerspitzengefühl kann man nicht lernen 

Gabriele Rode-Buchholz   und Arthur Letzel   unterhielten sich darüber, worauf es bei der psychosozialen Beratung von Studierenden ankommt.

Interview: Cornelia Gerecke | Text: Regina Brinkmann | Fotos: Martina Goyert

In der Abteilung Beratung, Kinder & Soziale Angebote arbeiten Gabriele Rode-Buchholz und Arthur Letzel gewissermaßen Hand in Hand. Sie koordiniert als Sachbearbeiterin die Gesprächstermine und pflegt die Klientendatei. Er ist seit mehr als zehn Jahren als beratender Psychologe im Einsatz. Beide kamen zum Werk, um noch mal neu durchzustarten. Letzel suchte nach langjähriger Freiberuflichkeit eine feste Stelle, wollte nicht länger – wie er sagt – „freischwebender Psychologe“ sein. Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin Rode-Buchholz entdeckte im Laufe der Jahre zunehmend die statistische Arbeit für sich. Aber auch ihr familiärer Hintergrund spielt bei der täglichen Vermittlungsarbeit eine Rolle.

Frau Rode-Buchholz, wenn sich Studierende an die Beratungsstelle wenden, landen sie erst mal bei Ihnen. Was ist bei diesem Erstkontakt wichtig? 

Rode-Buchholz: In dem Moment muss man den Kopf klar haben. Ich muss alle Punkte zusammenhalten, die ich abfrage. Gleichzeitig muss man sachte zuhören und nachfragen, um welche Probleme es sich handelt. Ist es Prüfungsangst oder sind es Konflikte in der Partnerschaft?    

 

Haben Sie dafür eine bestimmte Frage-Technik entwickelt oder gelernt?

Rode-Buchholz: Ich habe selbst vier Kinder und diese haben nun einmal alle Phasen durchlaufen, mit Problemen und mit allem. Fingerspitzengefühl kann man, glaube ich, nicht lernen. Außerdem bin ich gelernte Erzieherin und habe vielleicht auch dadurch so ein Gespür entwickelt. 

 

Hat das auch einen Einfluss auf Ihre Arbeit, Herr Letzel?

Letzel: Auf jeden Fall. Ich möchte an dieser Stelle ein Riesenlob aussprechen für das, was sowohl die Kollegin Frau Rode-Buchholz leistet als auch Frau Wortmann, die ja beide die Termine vergeben. Wir stellen im Laufe der Jahre immer wieder fest, dass die Zuteilung, die durch das Sekretariat geschieht, im Wesentlichen immer passt. Dass es manchmal nicht auf Anhieb passt, das gibt es, aber dann wird einfach der Berater gewechselt. 

 

Das heißt, Sie sparen dann auch Zeit, die Sie wiederum in die Beratung stecken können? 

Letzel: Ja, definitiv, wenn beim Erstkontakt mit den Ratsuchenden schon so viel richtig gemacht wird. Da spielt die ganze Lebenserfahrung auch mit rein. 

Rode-Buchholz: Wir haben außerdem Fortbildungen gemacht. Das hat auch dazu beigetragen, dass man solche Gespräche besser und zielgerichteter führen kann. 

 

Wie viele Gespräche können die Studierenden in der Regel in Anspruch nehmen? 

Rode-Buchholz: Die ersten fünf Gespräche sind kostenlos, danach fallen bei uns 2,50 Euro an. Die Tendenz ist, bei uns keine Therapie zu machen, sondern sich nur beraten zu lassen. Wir vergeben im Sekretariat ja ausschließlich die Erstgespräche. Manchmal ruft einer an, der gerne nochmal ein Gespräch möchte. Alles andere läuft über die Berater*innen, die dann selber die Folgetermine vergeben. 

 

Es werden ja auch Kurse und Workshops angeboten. Kommen die Studierenden von sich aus oder aufgrund der Beratung? 

Rode-Buchholz: Beides. Die Plätze sind dann immer sehr schnell weg. Wie zum Beispiel beim Selbstwertkurs von Frau Dr. Koch und Frau Albrecht. 

Letzel: Interessanterweise haben wir hier ein ähnliches Phänomen wie bei den Beratungsgesprächen. Es melden sich überwiegend Frauen. Sie sind eher bereit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und an sich selbst zu arbeiten. Das spiegelt sich bei Kursen und Beratung ganz klar wider. Allerdings haben vor allem angehende Lehrkräfte und Jurist*innen das Problem, dass bei einer Verbeamtung eine Psychotherapie ein Ausschlusskriterium sein kann. Deshalb haben wir vor zwei Jahren diesen Selbstwertkurs ganz gezielt etabliert. Einfach für Leute, die wahrscheinlich gerne in Therapie gehen würden, aber es nicht tun, weil sie Befürchtungen haben, dass es ihnen beruflich schadet. 

„ Wir haben keinerlei Auskunftspflicht. Wenn Sie es nicht erzählen, dann wird es von mir auch niemand hören.“

Arthur Letzel

Was unterscheidet uns von Psychotherapiepraxen?

Rode-Buchholz: Also bei uns geht nichts raus. Wir dokumentieren natürlich alle Sachen, aber die brauchen wir nur als Beleg, dass wir richtig beraten haben, wenn sich jemand vielleicht im Nachhinein nicht richtig beraten fühlt. Das geht an keine Krankenkasse.

Letzel: Wir haben keinerlei Auskunftspflicht. Und wenn die Ratsuchenden fragen, ob das wirklich alles hierbleibt, dann kann ich sagen: Wenn Sie es nicht erzählen, dann wird es von mir auch niemand hören. Da haben wir wirklich eine Nische, in der man uns nicht vermutet. Wir sind absolut verschwiegen.

 

Was sind die häufigsten Probleme der Studierenden?

Rode-Buchholz: Im Sommer sind es tatsächlich Prüfungssituationen, die die anderen psychischen Befindlichkeiten noch stärker hervortreten lassen. Prüfungen, Trennungen von Partnerschaften. Manchmal geht es auch um Tod von Freund*innen oder Familienmitgliedern. 

 

Sie kümmern sich außerdem gemeinsam um den Therapeutentag. Wie läuft der ab?

Rode-Buchholz: Eingeladen werden die 111 niedergelassenen Therapeut*innen, auf die wir die Studierenden bei Therapiebedarf hinweisen können. In der Regel finden diese Treffen zu Themen statt, die alle interessieren. 2016 war das zum Beispiel das Thema Psychotraumata (Ressourcenorientierung und Stabilisierung in traumazentrierter Psychotherapie und Beratung) und wie man damit umgeht. 

Letzel: Wir hatten schon mal eine Kollegin da, die über Psychopharmaka berichtet hat. Wir wurden dadurch auf den aktuellen Stand gebracht: Was gibt es da, wie werden die Stoffgruppen voneinander unterschieden, wann wird was verordnet. Und in dieser Themenauswahl achten wir natürlich darauf, dass es sowohl für die niedergelassenen Psychotherapeut*innen als auch für uns interessant ist. 

Rode-Buchholz: Letztes Jahr war es auch sehr interessant zu sehen, wie Therapeut*innen selbst Achtsamkeit trainieren (Schematherapeutische Imagination und achtsames Selbstmitgefühl – Übungen zur Stärkung von Therapeut*innen). Da hatten wir zum Beispiel autogenes Training als Einstiegsübung. 

Letzel: Denn in der Entwicklung der Verhaltenstherapie gibt es nun schon die dritte Welle, und da spielt vieles hinein, was im Laufe der Jahrzehnte aus dem Fernen Osten kam, was man unter Buddhismus zusammenfassen kann. Da gehören Akzeptanz und Achtsamkeit dazu. Das war wahrscheinlich schon immer implizit Thema, aber jetzt wird es auch explizit Thema in Psychotherapien. 

 

Welche Rolle spielt das bei Ihrer Beratung?

Letzel: Zum Beispiel fragen die Studierenden, wie sie sich am Schreibtisch besser konzentrieren können. Dann kann ich ihnen sagen, dass es eine Möglichkeit von vielen ist, den Fokus der Aufmerksamkeit zu lenken, dass man zum Beispiel den Körper spürt. Ich spüre zum Beispiel gerade meinen ganzen Körper. Von meinen Füßen, die gerade ein bisschen zu warm in meinen Motorradstiefeln sind, bis hoch zu meinen Haarspitzen. Ich kann da den Fokus drauf lenken. Wenn jetzt die Klient*innen sagen, sie spüren aber ihre Hände gar nicht oder so, dann kann man nachhelfen, indem man sagt: Reiben Sie doch mal Ihre Hände oder bewegen Sie mal die Zehen. Mit dieser Wahrnehmung können sie aus ihrem Gedankenkarussell temporär ausbrechen. Die Gedanken kommen immer wieder rein. Aber wenn man feststellt, dass man sich wieder im Karussell befindet, kann man diese Übung wieder nutzen. Da entsteht auch ein Übungseffekt, so dass die Phasen, in denen man sich dann konzentrieren kann, auch länger werden. 

„…dass ich gesehen werde. Das finde ich sehr schön.“

Gabriele Rode-Buchholz

Wie haben sich denn die Kursangebote verändert? 

Rode-Buchholz: Das Begleiten und Coachen der Studierenden spielt inzwischen eine immer größere Rolle. Schreibberatung machen wir gar nicht mehr, aber wir bieten Schreibprojekte an mit Zielen und Zeitplänen, die eingehalten werden müssen. Und das zu erfüllen, verstehe ich auch als Coaching. Es geht auch darum, die Studierenden abzuholen. Früher hatten wir ja nur Studienoptimierungsgruppen (STOP-Gruppen).

Letzel: Es geht sogar teilweise in Richtung betreutes Studieren. Es genügt nicht, einfach nur mit den Studierenden zu reden und zu sagen: „So könnte es gehen“, sondern es geht darum, dass die jüngeren Studierenden mehr Bedarf haben. Sie müssen genau wissen, was sie bis zum nächsten Mal machen müssen. Ich will das nicht pauschalisieren, aber sie sind offenbar weniger selbstständig. 

Rode-Buchholz: Ich habe das Gefühl, dass die Studierenden früher ebenfalls von der Uni ein bisschen mehr unterstützt worden sind. Heute ist weniger Betreuung da, wenn eine Hausarbeit ansteht. 

 

Kommen wir noch mal auf den Therapeutentag zurück. Was ist Ihr Job bei der Vorbereitung, Frau Rode-Buchholz?

Rode-Buchholz: Für dieses Jahr haben wir den Therapeutentag abgesagt. Aber normalerweise erledige ich viel Schreibkram und Organisatorisches. Wie das Verschicken der „Save the Date“-Mails, die Fertigstellung der Therapeutenliste oder die Vorbereitung zur Antragstellung bei der Psychotherapeutenkammer. 

 

Und was gibt es für Tätigkeiten, die Ihnen besonders viel Spaß machen, mit denen Sie nicht gerechnet hätten, als Sie den Job antraten?

Rode-Buchholz: Zum Beispiel die Verwaltung der Studierenden über die Klientendatei. Die habe ich mit Frau Jungnickel aufgebaut, betreut und begleitet. Wenn uns ein Studierender anruft, dann wird die Person mit Namen, Geburtsdatum usw. in der Klientendatei angelegt und die Berater*innen können dann wie in einer Akte ein Deckblatt füllen mit Zwischenangaben und können auch hinzufügen, was in der Sitzung besprochen wurde. Nach zehn Jahren wird die Datei gelöscht. Aus dieser Klientenverwaltung haben wir dann auch unsere Zahlen für Statistiken. Und dieser Umgang mit Programmen und Statistik macht mir sehr viel Spaß.

 

Herr Letzel, was werden Sie am meisten vermissen, wenn Frau Rode-Buchholz jetzt bald in Rente geht?

Letzel: Sie hat für alle unsere Belange immer ein offenes Ohr. Diese Ansprechbarkeit werde ich am meisten vermissen. 

Rode-Buchholz: Ich find das total nett, dass du das gesagt hast, Arthur. Es geht mir umgekehrt auch so.

 

Und Sie, was wird Ihnen fehlen, Frau Rode-Buchholz?

Rode-Buchholz: Mein Team! Das ist so ein unheimlich schönes, nettes Miteinander. Die Ansprechbarkeit ist natürlich im ganzen Team auch da. Dieser Zusammenhalt im Team wird mir fehlen. Ich habe ein langes Berufsleben hinter mir, und ich freue mich, dass meine letzten Berufsjahre so verlaufen sind, dass ich meine Fähigkeiten einbringen konnte und dass ich gesehen werde. Das finde ich sehr schön. 

Gabriele Rode-Buchholz hatte am 4. Oktober 2006 ihren ersten Arbeitstag im Sekretariat der damaligen Psychologisch-Sozialen Beratung (PSB) – heute Beratung, Kinder & Soziale Angebote (BKSA). Bis dahin arbeitete sie als Fremdsprachenkorrespondentin und ist darüber hinaus auch gelernte Erzieherin.

Arthur Letzel fing am 1. März 2009 beim Kölner Studierendenwerk als Diplompsychologe in der psychologischen Beratung an. Als Freiberufler hatte er schon viele Jahre Berufserfahrung und für diese Stelle wurde gezielt ein Mann gesucht. Also schickte er seine Bewerbung los – mit Erfolg. 

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